Montag, 27. Juni 2016

Rezension zu ,,Der dunkle Schirm" von Philip K. Dick

Der dunkle Schirm ist mit 336 Seiten am 25. September 2014 im Fischer Klassik Verlag erschienen.

Inhalt:

Substanz T oder ›langsamer Tod‹ heißt eine neue Droge, die ins Orange County eingeschleust wird. Bob Arctor – alias Fred – ist Junkie und Geheimagent der Drogenfahndung, und damit er nicht auffliegt, beginnt er, auch mit Substanz T zu experimentieren, bis er merkt, dass seine beiden Identitäten gegeneinander agieren...
Viele schätzen ›Der dunkle Schirm‹ (1977) als den stärksten Roman Philip K. Dicks. Autobiographische Details zeichnen ein nur allzu realistisches Bild der Drogenkultur Kaliforniens in den 70ern, die in die Zukunft projiziert wird. 2006 wurde das Buch von Richard Linklater mit Keanu Reeves und Winona Ryder verfilmt. (Klappentext)

Cover:

Das Cover finde ich sehr abstrakt, aber gut und passend. Die roten Linien im Hintergrund passen zum Verlust der Identität.

Charaktere:                                       

Die wichtigste Person in diesem Buch ist Fred, der als Geheimagent der Drogenfahndung ins Drogenmilieu eingeschleust wird. Dort beginnt er als Bob Arctor aber selbst zu konsumieren, unter anderem auch Substanz T, und kann irgendwann seine Identität als Fred nicht mehr Aufrecht erhalten. Er ist später Dealer, Konsument, Verdächtiger und Ermittler zugleich. An sich ein sehr interessanter Charakter, der als Beispiel agiert, wie Drogen und gesellschaftliche Überwachung den Menschen zerfressen.

Stark sind auch die anderen Charaktere, Arctors Mitbewohner, die das Verhalten als Drogensüchtige auch gut wiedergeben.

Meine Meinung:

Eigentlich ist genau das eingetroffen, was ich bei Philip K. Dick als Autor erwartet habe. Er schreibt grandios, literarisch und verpackt Themen zugleich so intelligent, dass man als Leser weiter lesen möchte und immer wieder auf verschiedene, interessante und kranke Wendungen trifft.

,,Arctor dachte: Wie viele Bob Arctors gibt es wohl? Ein abartiger, völlig verwirrender Gedanke. Zwei fallen mir jedenfalls ein. Der eine wird Fred genannt und beobachtet den zweiten, der Bob genannt wird. Beides dieselbe Person. Oder? Ist Fred tatsächlich dieselbe Person wie Bob? Weiß das überhaupt jemand? Ich müsste es wissen, eher als jeder andere, weil ich der einzige Mensch auf der ganzen Welt bin, der weiß, dass Fred Bob Arctor ist. Also wer bin ich? Welcher der beiden ist ich?" S.117

Dabei ist Dick als Autor für das Thema Drogenkonsum und Verlust der Identität wie geschaffen, denn er nahm selber zahlreiche Drogen und sein Haus diente zeitweise - ähnlich wie das Haus von Arctor -, als Drogentreffpunkt. Er geht sogar im Nachwort auf Seite 318 darauf ein und behauptet, dass nicht er eine Person im Buch darstellt, sondern er der Roman sei.

,,Er spürte das unwiderstehliche Bedürfnis, zu seinem Wagen zu gehen, die Pistole aus dem Handschuhfach zu holen und ihr das Gesicht wegzuschießen, ihren Schädel und ihre Augen in kleine Stückchen zerplatzen zu lassen. Und dann verging das alles wieder - der Hasch-Hass, die Hasch-Wut. 'Ach scheiße', murmelte er niedergeschlagen." S. 184

Irgendwann kommt es so weit, dass die Hauptperson nicht mehr unterscheiden kann, wer sie ist und völlig Wahrnehmung, Realität und Identität verliert. Fred alias Bob Arctor wird alias Bruce in eine Nervenheilanstalt eingewiesen, als menschliches Elend, und erkennt erst da inwiefern Substanz T und die Klinik zusammen hängen. Für mich war dies eine überraschende und verstörende Wendung.

,,'Kannst du dir vorstellen, deinen Enkeln zu erzählen: Ich habe mit meinen eigenen Augen gesehen, wie der zwei Meter große Haschklumpen aus dem Nebel auftauchte und vorüberschritt, ungefähr in die Richtung da vorne, und er war zwei Milliarden Dollar wert und sagte immer nur: 'Nein nichts.' Deine Enkel würden dich ins Irrenhaus stecken.'" S.231

In diesem Buch spielt Science-Fiction keine große Rolle. Nur Substanz T als zerstörerische Droge und der Jeder-Mann-Anzug, der den Träger verschleiert, sind erfunden. Das hat mir aber sehr gut gefallen, sodass ich dieses Buch definitiv nicht nur Science-Fiction Leser empfehle.

,,Die beiden Mitarbeiter des Neuen Pfades standen da und musterten das Ding, das vor ihnen auf dem Fußboden lag, das sich erbrach und zitterte, die Arme um sich gelegt, als könnte es auf diese Weise die Kälte fernhalten. ,Was ist das?', fragte einer von ihnen. ,Ein Mensch', erwiderte Donna." S.277

Fazit:
Ein grandioses, wichtiges Buch über die völlige Verschleierung der eigenen Identität durch Drogen und Überwachung. Eigentlich, wenn man genauer darüber nachdenkt, ziemlich erschreckend.

Die Nachworte von Dick und Christian Gasser, der auf wichtige Szenen noch mal eingeht, runden für mich das Buch perfekt ab. Ich freue mich auf seine anderen Bücher.

☆☆☆☆☆


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